Peter Stocker („Lila Winkel“ – Gedenkrede Mai 2022

Der Verein „Lila Winkel“ beschäftigt sich seit fast 25 Jahren mit der Rehabilitierung und Aufarbeitung der NS-Zeit. 

Ich möchte hier auf die Häftlingsgruppe mit dem Lila Winkel aufmerksam machen. Die Notwendigkeit das zu tun, zeigt sich immer noch darin, dass bis heute nur wenige wissen, was die Glaubensgemeinschaft von Jehovas Zeugen – damals als Bibelforscher bezeichnet – während des Dritten Reiches durchlitten hat. 

Meine Familie und ich stehen heute hier, weil uns dieses Thema persönlich betrifft. Über 22 Mitglieder unserer Familie wurden ermordet, verschleppt, vergast und geköpft. So etwas vergisst man nicht und darf es auch nicht!

Und so haben wir schon im Jahr 1998 mit dem Verein „Erinnern“ in Villach an der Erstellung des „Denkmals der Namen“ mitwirken können.

Allein in Kärnten und Osttirol wurden rund 60 Zeugen Jehovas verhaftet und jahrelang in Zuchthäusern oder Konzentrationslagern eingesperrt. 16 Kärntner wurden hingerichtet oder starben aufgrund grauenvoller Umstände während der Haft.

Was war ihr Verbrechen?

  1. Sie verweigerten den Hitlergruß – „Heil“ oder „Rettung“ ist von einem Menschen nicht zu erwarten.
  2. Die christliche Nächstenliebe schloss die Verweigerung des Wehrdienstes ein.
  3. Frauen verweigerten die Mitarbeit in der Kriegsindustrie, womit auch sie von der Wut der Nazis mit voller Wucht getroffen wurden.
  4. Mutig klagte diese kleine Gruppe den Nationalsozialismus als menschenverachtendes System an. Bereits 1933 wurde in entsprechender Literatur auf die Existenz von Konzentrationslagern hingewiesen – lange bevor andere es getan haben. 

Stellvertretend für die vielen Opfer möchte ich einen jungen Mann hervorheben. Er war mein Onkel und auch der meiner hier anwesenden Familienmitglieder. Sein Name war Gregor Wohlfahrt, 21 Jahre jung. Sein Verbrechen: Wehrdienstverweigerung. 

Er war als fröhlicher, humorvoller junger Mann bekannt. Trotzdem war er pflichtbewusst und besorgt um seine Mutter und seine fünf Geschwister. Nur noch Gregor konnte für die Familie sorgen, indem er schwer als Holzarbeiter tätig war. Sein Vater wurde bereits im Dezember 1939 wegen Kriegsdienstverweigerung in Berlin Plötzensee enthauptet.

Er war kein namenloser Held. Wie jeder andere hatte er Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen auf ein normales Leben.

Viele der Intellektuellen und solche, die Weitblick hätten zeigen können, hielten still, nicht zuletzt deswegen, weil es fatale Folgen gehabt hätte, gegen den damaligen Zeitgeist aufzustehen. 

Auf das Heute übertragen, sagte jemand vor Kurzem: 

„Aufgrund der Meinungsfreiheit in den meisten europäischen Ländern besteht keine Gefahr das Gesicht zu zeigen! Das Gesicht nicht zu zeigen – das ist die Gefahr!

Dieser junge Mann, Gregor Wohlfahrt, zeigte sein Gesicht!

Um ihn unter Druck zu setzen, wurde seine Wartezeit auf die Hinrichtung auf drei Monate ausgedehnt. Seine Hände und Füße wurden in schwere Ketten gelegt. Dieser junge Mann handelte nach seinem Gewissen und war nicht bereit, mit diesem Regime Kompromisse einzugehen.

Genau vor 80 Jahren – im März 1942 – wurde er in Brandenburg-Görden hingerichtet. Vor genau einer Woche stand ich neben dem Schafott, wo mein Onkel und viele andere ihr bestialisches Ende fanden. Das Grauen hat sich dort festgesetzt. Es ist nicht wegzukriegen, auch nicht nach so vielen Jahren! Auch wenn einige meinen, je mehr Zeit vergeht, desto vergilbter wird Zeitgeschichte. 

Aber das darf nicht geschehen: Die nächsten Generationen haben ein Recht, die Geschichte zu kennen.

Doch die Tatsache, dass mit Stand Mai 2022 weltweit noch immer Menschen unrechtmäßig inhaftiert, gefoltert und vor der Gesellschaft als Terroristen gebrandmarkt werden, zeigt uns, wie brandaktuell das Thema noch immer ist. Das geschieht in Russland, aber auch in anderen Ländern. Eine freie Religionsausübung ist nicht überall ungehindert möglich.

Gregor Wohlfahrt müssten wir hier und heute erklären, dass er zB in Russland unter dem Vorwand der Extremismusbekämpfung festgenommen und inhaftiert werden würde.

Wir erinnern uns um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert! Um zu verhindern, dass unschuldige, friedliche Menschen nur aufgrund ihres Glaubens diskriminiert, verfolgt, gefoltert und getötet werden.

Wir alle haben Verantwortung. Hören wir nicht auf, solche Veranstaltungen abzuhalten und aktiv zu werden. Das sind wir den Opfern wirklich schuldig.

Mit welchem Mut und welcher Überzeugungskraft sich Gregor Wohlfahrt – dieser junge Mann – in seinen letzten Worten an seine Familie wandte, wird uns Frau Ilenia Taus noch abschließend kurz vorlesen. (siehe Foto Abschiedsbrief unten)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!