Michael Koschat – Gedenkrede Mai 2022

Am 27. Jänner 1945 wurde das KZ Auschwitz, das einen in der Menschheitsgeschichte präzedenzlosen und abgrundtiefen Zivilisationsbruch markierte, befreit. Auschwitz war brutale, apokalyptische Realität und steht als Metapher für ein rassistisches Wahnsystem. Das heurige Gedenken daran war überschattet von einem wachsenden, ja beängstigend aufkeimenden Antisemitismus. Die zahlreichen gegen die zweifellos nicht immer schlüssigen und glücklichen Corona-Maßnahmen der Regierung gerichteten Demonstrationen mit ihren schaurigen, geradezu gespenstisch anmutenden Choreografien und Anspielungen wirkten hier als Unterzünder und Brandbeschleuniger.  Der Antisemitismus ist kein Randphänomen mehr, er hat sich wieder inmitten der Gesellschaft eingenistet. 

Auch wenn sich die Geschichte nicht in identer Form wiederholt, „so ähneln sich gewisse Dynamiken auf erschreckende Weise“, fand der Politikwissenschafter Constantin Lager unter Hinweis auf den Schriftsteller Stefan Zweig mahnende Worte. Der von zunehmender Verzweiflung heimgesuchte Zweig hat in seiner retrospektiven Betrachtung „Die Welt von Gestern“ das nicht rechtzeitige Erkennen-Können oder Wahrhaben-Wollen demokratiegefährdender Strömungen als einen der größten Fehler seiner Zeit erkannt. Ebenso wie der Glaube, dass das Recht unumstößlich und fest verankert sei. Gezielte Falschinformationen, von Zweig als „organisierte Lüge“ bezeichnet, gehören zur perfiden Strategie totalitärer Bewegungen und Ideologien und sind wesensimmanenter Teil von Verschwörungserzählungen, damals wie heute. Komplexe gesellschaftliche Herausforderungen werden mit politischem Kalkül ausgenutzt und Ängste instrumentalisiert, um Tausende von verunsicherten Menschen hinter sich zu scharen, aufzuhetzen, zu radikalisieren und für die eigenen sinistren Ziele zu missbrauchen. Es ist mehr als makabrer rechtspopulistisch-esoterischer Mummenschanz und gruppendynamisch inszeniertes Rabaukentum mit wehenden Fahnen, skandierten Parolen, Spuckattacken und deklarierten Begriffen aus dem NS-Vokabular wie „Lügenpresse“ und „Systemzeitungen“.  

Manche schrecken dabei unter blauäugiger Berufung auf die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht in gespielter Naivität und Unbedarftheit selbst davor nicht zurück, sich mit den Opfern des Holocaust zu vergleichen und damit die gesamte Gedenkkultur zu unterminieren und verächtlich zu machen. Die einen tragen gelbe Judensterne, auf denen in eigenartig verzerrten Buchstaben – in dieser Form verhöhnten bereits die Nationalsozialisten das Hebräische – das Wort „ungeimpft“ steht. Andere halten Schilder mit der Aufschrift „Impfen macht frei“ in die Höhe oder beschwören in Frakturschrift „Heimat“ und „Freiheit“. Dass nicht nur die persönliche Handlungsfreiheit, sondern auch das Streben nach Gemeinwohl zur Staatspflicht einer in der Tradition der Aufklärung stehenden Gesellschaft gehört, wird dabei gerne vergessen. Man bedient sich lieber einer agitatorischen Kampfrhetorik und offener Hassparolen, die als Ausdruck einer demagogisch infiltrierten, unsolidarischen, postfaktischen Gesellschaft fatal an Entwicklungen in den 1930er Jahren erinnern.        

Ein toxisches Gebräu, eine offene Brüskierung und blanke Herabwürdigung jüdischer und aller anderen NS-Opfer und zugleich Ausdruck einer beschämenden Ignoranz und geschichtlichen Ahnungslosigkeit. Der Judenstern wurde 1941 durch eine Polizeiverordnung eingeführt und war äußeres Zeichen einer sich ständig verschärfenden Diskriminierungs- und Vernichtungsstrategie.

Gegen die gedankenlose Verharmlosung des Nationalsozialismus braucht es eine breite Bewusstseinsbildung, die deutlich macht, dass Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie nicht mit den Ausgrenzungs- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes gleichzusetzen sind. Hier sind Politik, Schulen, Medien und Zivilgesellschaft gefordert.

Ein temporärer Lockdown, ein abgesagter Kindergeburtstag oder ein aufgeschobener Gasthausbesuch machen niemanden zu Anne Frank, Sophie Scholl oder Dietrich Bonhoeffer. Die Gleichsetzung persönlicher Einschränkungen mit der Brutalität und Gewalterfahrung einer Gestapo-Haft und eines Konzentrationslagers macht deutlich, dass viele den Nationalsozialismus als Elementarverbrechen nicht wirklich begriffen haben. Sich der Leidensgeschichte von NS-Opfern zu bemächtigen, sich eine Deutungshoheit über die Geschichte anzumaßen, um eine egozentrische, entsolidarisierende Hybris auszuleben, ist eine paradoxe Bedeutungsumkehr und nichts anderes als eine zynische Verhöhnung von NS-Opfern. Eine Corona-Demonstration unter das Motto „Kärnten leistet Widerstand“ zu stellen, wie dies im März in Spittal/Drau der Fall war, macht niemanden zu einem Widerstandskämpfer und Patrioten. Zu einem Widerstandskämpfer, wie dies Rudi Hribernik gewesen war, jener junge Partisanenkurier, der Anfang Februar 1945 bei der im NS-Jargon als „Bandenbekämpfung“ bezeichneten Aktion unter der Arih-Wand schwer verwundet gefangen genommen wurde, um anschließend nach St. Jakob im Rosental gebracht zu werden, wo er an den Verwundungen und brutalen Misshandlungen verstarb. 

Der Widerstand gegen das NS-Regime, der die Wiedererrichtung eines freien Österreich erst ermöglichte, hatte nichts mit dieser von rechtspopulistischen Agitatoren aufgehetzten „Volksseele“ zu tun. Die Widerstandsbewegung handelte zwar organisiert und in Gruppen, beruhte aber in den meisten Fällen auf individuellen, oft einsamen Entscheidungen. Diese Tatsache, so Maja Haderlap, werfe „ein besonderes Licht auf die Tragweite und Bedeutung des ethisch handelnden Individuums. Der österreichische Widerstand wurde von Menschen getragen, die in der Zeit der durchorganisierten Gewalt, der totalen Propaganda ihre humanen Haltungen nicht über Bord geworfen hatten. Er ist ein Konglomerat aus nahezu alltäglichen, helfenden, mutigen Gesten, die sich dem Vernichtungswillen und der organisierten Böswilligkeit gegen Menschen widersetzten.“ Die Demokratie, wie wir sie kennen, so Haderlap in ihrem Resümee, „ist uns nicht nur dank dieser Zivilcourage und aufgrund der vielen Opfer, die das Naziregime gefordert hatte, geschenkt worden.“ 

Nicht zuletzt dem aktiven Widerstand, den Opfern und KämpferInnen gegen die Tyrannis, verdankt das Nachkriegsösterreich seine Rechtfertigung vor der Geschichte. Ihnen gebührt der Dank des „Vaterlandes“. Dennoch blieb den NS-Opfern und WiderstandskämpferInnen, die sich aus politischer Überzeugung oder reiner Humanität gegen die NS-Gewaltherrschaft gestellt hatten, das ihnen gebührende Andenken viel zu lange verwehrt. Deren Spuren und Identität sind in der fragmentierten und zwischen Würde und Groteske changierenden erinnerungskulturellen und erinnerungspolitischen Praxis Kärntens größtenteils bereits verwischt und unsichtbar, dies häufig nicht nur im kollektiven Gedächtnis und öffentlichen Raum, sondern auch in den jeweiligen Familienerinnerungen. Viele Opferfamilien schwiegen aus Scham, weil sie im Erzählen keinen Trost fanden und niemand ihre Leidensgeschichten hören wollte. In der gesellschaftlichen Praxis der Nachkriegszeit hatten sich die Opfer versöhnlich zu zeigen, während die Verantwortung der Täter und Täterinnen systematisch verschwiegen wurde.     

Es dominierten die über Kameradschaftsverbände, „Heimatvereine“ und Denkmäler tradierten Helden- und Kriegsopfererzählungen, mit dem deklarierten Ziel, die „Ehre der Soldaten“ und die „Pflichterfüllung“ als Kern männlicher Identität zu bewahren und sich den eigenen Irrwegen und Lebenslügen nicht stellen zu müssen. Das Bild des „untadeligen Pflichterfüllers“ ohne jeden Handlungsspielraum entsprach über Jahrzehnte der gesellschaftlich akzeptierten Norm. Öffentliches Gedenken fand an den Kriegerdenkmälern statt, Widerstandskämpfer und -kämpferinnen kamen in diesem Narrativ nur am Rande vor, nicht selten wurden sie als Verräter und Verräterinnen gebrandmarkt. 

Ein vielschichtiger Verdrängungsprozess, der sich in historisch wie moralisch bedenklichen Exkulpationsstrategien, einer nachhaltigen Schuldabwehr und Dekonstruktion persönlicher Verantwortung sowie einem apologetischen Fortwirken der NS-Moral artikulierte. Die politischen Parteien zeigten sich bald nach Kriegsende aus evidenten politischen und gesellschaftlichen Gründen zu einem pragmatischen „Bündnis des Vergebens und Vergessens mit den Nazis“ bereit, wie es der Historiker und Politikwissenschaftler Peter Pirker bezeichnet hat. Die lokale Ausprägung postnazistischer Strukturen und die damit einhergehende „unheimliche Harmonie am Lande“ gingen auf Kosten jener Überlebenden, die nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen ohne parteipolitischen Rückhalt geblieben waren. Die Leistungen des Widerstandes „wurden marginalisiert und durch sozialen Druck zum Verschwinden gebracht.“ Die in den 1950er Jahren flächendeckend in allen Dörfern aufgestellten Kriegerdenkmäler wurden „wie Stellungsbauten, wie steinerne Drohgebärden zur Markierung“ der in schwermütigen Liedern besungenen Heimat und noch immer martialisch beschworenen deutschen Heimatfront und schufen das Trugbild einer schicksalhaften „Heimatverteidigung“ und eines religiös überhöhten „Heldentods“. So mahnt das 1952 in Lind ob Velden für die Gefallenen der beiden Weltkriege errichtete Denkmal den Betrachter: „Ihr alle, die ihr an diesem Ehrenmal deutscher Helden vorüberkommt, erweist euch würdig ihres Opfers und beuget euer Haupt in Ehrfurcht.“ Vor den geschundenen Opfern des NS-Regimes beugte hingegen kaum jemand sein Haupt in Ehrfurcht. Im Gedächtnis der Verfolgten hat diese erinnerungspolitische Hegemonie und Jahrzehnte fortdauernde Ausgrenzung und Verleumdung, die auch in schikanösen und in die Länge gezogenen Opferfürsorgeverfahren ihren Niederschlag fand, tiefe Spuren hinterlassen.

Hinter jedem Namen eines NS-Opfers verbergen sich menschliche Schicksale. Schicksale, die uns mit Blick auf aktuelle Ereignisse auch deutlich vor Augen führen, wie dünn die Decke der Zivilisation sein kann. Ihr Schicksal ist Mahnung und Auftrag zugleich.

Einer ethisch verankerten Erinnerungskultur, so der amerikanische Historiker Timothy Snyder, komme hier eine eminente psycho- und soziohygienische Funktion zu: „Opfer hinterließen Trauernde, Mörder hinterließen Zahlen. Nach dem Tod einer großen Zahl anzugehören, bedeutet die Auflösung im Strom der Anonymität. (…) Es ist unsere Aufgabe als Humanisten“, so Snyder, „diese Zahlen wieder zu Menschen zu machen.“

Ein oftmals bereits ritualisiertes Gedenken und Erinnern erspart uns allerdings nicht eine permanente Denkarbeit, d.h. ein Denken und Nachdenken über gesellschaftliche Entwicklungen, moralische Verantwortung, ethisches und solidarisches Handeln. Es erfordert Engagement und Empathie, Bereitschaft zur Wissensaneignung und kritisches Reflektieren.

In diesem Sinne ist das Denkmal der Namen in Villach nicht nur ein wichtiger Ort des Erinnerns und Gedenkens, sondern auch ein zentraler Lernort, um das eigene Bewusstsein von Recht und Unrecht, Verstand und Unverstand, Humanität und Inhumanität, Toleranz und Intoleranz zu schärfen.

Vielen Dank, hvala lepa!

Mag. Dr. Michael Koschat
Rede vor dem „Denkmal der Namen“ in Villach, 11. Mai 2022